Lettland entdecken: Riga, Ostseeküste und Wälder
Reiseführer · redaktionellWer einen Urlaub in Lettland plant, landet fast immer zuerst in Riga – und merkt schnell, dass das Land dahinter viel ruhiger, grüner und weiter ist, als man erwartet. Rund die Hälfte der Fläche ist Wald, die Küste zieht sich über 500 Kilometer an der Ostsee und am Rigaer Meerbusen entlang, und zwischen den Städten liegen oft nur Kiefern, Moore und kleine Gehöfte.
Riga: Jugendstil, Markthallen und Altstadt
Riga ist mit gut 600.000 Einwohnern die größte Stadt des Baltikums, und ein Drittel aller Letten lebt hier. Die Altstadt, seit 1997 UNESCO-Welterbe, ist kompakt: das Schwarzhäupterhaus mit seiner roten Backsteinfassade, der Dom, die Petrikirche, deren Turm man per Aufzug erklimmt, und die Drei Brüder, drei aneinandergelehnte Bürgerhäuser aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Wer nur durch die Gassen läuft, verpasst allerdings das eigentliche Markenzeichen der Stadt. Nordöstlich der Altstadt, vor allem in der Alberta iela und der Elizabetes iela, stehen Hunderte Jugendstilhäuser mit Masken, Pfauen und Frauenköpfen an den Fassaden; mehrere davon stammen von Michail Eisenstein, dem Vater des Filmregisseurs. Kein anderer Ort in Europa hat eine solche Dichte an Art-nouveau-Bauten. Ein Muss ist auch der Zentralmarkt: Er belegt fünf ehemalige Zeppelinhallen aus dem Ersten Weltkrieg, in denen heute Räucherfisch, Sauerkraut aus Fässern, Honig und Berge von Pilzen verkauft werden.
Jūrmala, Liepāja und die Ostseeküste
Nur eine halbe Stunde mit dem Zug von Riga entfernt liegt Jūrmala, ein schmaler Streifen aus Sandstrand, Dünen und Kiefernwald, der sich über gut 30 Kilometer zieht. Schon zur Zarenzeit kamen Sommerfrischler hierher; die bemalten Holzvillen in Majori und Dubulti erinnern daran. Wer es ursprünglicher mag, fährt an die kurländische Küste. Liepāja, die drittgrößte Stadt des Landes, nennt sich gern Stadt der Musik und hat mit dem Konzertsaal „Lielais Dzintars“ einen Bau, der wie ein Bernstein aussieht. Im Stadtteil Karosta, einem früheren sowjetischen Marinestützpunkt, kann man das alte Militärgefängnis besichtigen. Weiter nördlich liegt Ventspils, eine gepflegte Hafenstadt mit Blauer-Flagge-Strand, und ganz an der Spitze Kurlands das Kap Kolka, wo Ostsee und Rigaer Meerbusen aufeinandertreffen. Im Slītere-Nationalpark dahinter leben noch die Liven, ein kleines finno-ugrisches Volk, dessen Sprache kaum jemand mehr spricht.
Sehenswürdigkeiten in Lettland abseits der Hauptstadt
Zu den beliebtesten Lettland Reisezielen im Landesinneren gehört das Gauja-Tal, der älteste Nationalpark des Landes. Rund um Sigulda hat der Fluss tiefe Sandsteinschluchten gegraben, im Herbst färbt sich der Wald dort rot und gelb, und die Burg Turaida thront über dem Tal. Wenige Kilometer weiter liegt Cēsis mit einer Ordensburg, in der man mit Laternen durch die Ruinen steigt. Kuldīga in Westlettland wurde 2023 ins Welterbe aufgenommen: Die Altstadt aus Holzhäusern steht am Ventas rumba, dem breitesten Wasserfall Europas, der allerdings kaum zwei Meter hoch ist. Im Frühjahr springen hier die Fische buchstäblich über die Kante. Südlich von Bauska liegt Schloss Rundāle, ein Barockpalast von Bartolomeo Rastrelli, der auch den Winterpalast in Sankt Petersburg entwarf. In Latgale, dem Osten des Landes, ändert sich das Bild: viele Seen, katholische Kirchen, russischsprachige Dörfer. Daugavpils, die zweitgrößte Stadt, hat eine fast vollständig erhaltene Festung aus dem 19. Jahrhundert und ein Kunstzentrum, das dem hier geborenen Maler Mark Rothko gewidmet ist.
Geschichte und Bräuche
Lettland war über Jahrhunderte unter deutscher, polnischer, schwedischer und russischer Herrschaft, wurde 1918 unabhängig und 1940 von der Sowjetunion annektiert. Die Unabhängigkeit kam 1991 zurück, nach der „Singenden Revolution“, bei der Hunderttausende mit Volksliedern demonstrierten. Das Singen ist bis heute zentral: Alle fünf Jahre findet in Riga das Sängerfest statt, bei dem Zehntausende Chorsänger auftreten. Das wichtigste Fest im Jahreskalender ist aber Jāņi, die Mittsommernacht am 23. und 24. Juni. Dann flechten die Menschen Kränze aus Eichenlaub und Wiesenblumen, springen über Feuer, essen Kümmelkäse und bleiben bis zum Sonnenaufgang wach. Wer zu dieser Zeit reist, sollte wissen, dass Riga sich leert und das ganze Land aufs Land fährt.
Essen und Trinken
Die lettische Küche ist bodenständig. Graue Erbsen mit Speck gelten fast als Nationalgericht, dazu kommt dunkles Roggenbrot, das oft schon leicht süßlich schmeckt. Im Sommer gibt es kalte Rote-Bete-Suppe mit Kefir und Dill, im Herbst Pfifferlinge in Sahnesoße. An der Küste wird Fisch geräuchert, vor allem Flunder, Hering und Neunauge, Letzteres eine Spezialität aus Carnikava. Zum Kaffee gibt es Sklandrausis, kleine Törtchen mit Karotten- und Kartoffelfüllung. Bekanntester Schnaps ist der Rigaer Schwarze Balsam, ein Kräuterlikör, den man pur, im Kaffee oder mit Johannisbeersaft trinkt. Lettisches Bier aus kleinen Brauereien hat in den letzten Jahren stark an Qualität gewonnen.
Unterwegs in Lettland
Der Flughafen Riga (RIX) ist Drehkreuz der Fluggesellschaft airBaltic und von vielen deutschen Städten direkt erreichbar. Mit dem Auto sind es von Berlin aus rund 1.100 Kilometer über Polen und Litauen. Fernbusse verbinden Riga mit Vilnius, Tallinn und Warschau; im Land selbst fahren Regionalzüge nach Jūrmala, Sigulda, Cēsis und Daugavpils. Die Schnellbahn Rail Baltica ist noch im Bau. Für Kurland und kleinere Orte ist ein Mietwagen am bequemsten, die Straßen sind ruhig, aber außerhalb der Hauptachsen gelegentlich Schotterpisten. Lettland gehört zum Schengen-Raum, bezahlt wird mit Euro, und Kartenzahlung funktioniert fast überall.
Beste Reisezeit für Lettland
Die beste Reisezeit für Lettland liegt zwischen Mai und September. Im Juni sind die Tage fast 18 Stunden lang, im Juli und August erreichen die Temperaturen meist 20 bis 25 Grad, die Ostsee wird an guten Tagen um die 20 Grad warm. Der September ist mild und ruhig, die Pilzsaison beginnt. Der Winter ist lang und dunkel, mit Temperaturen oft unter null; dafür ist Riga in der Adventszeit mit seinem Weihnachtsmarkt auf dem Domplatz einen Besuch wert, und die Stadt erhebt den Anspruch, 1510 den ersten geschmückten Weihnachtsbaum aufgestellt zu haben.











