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Estland

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Estland entdecken: Tallinn, Inseln und Moore

Reiseführer · redaktionell

Estland ist fast so groß wie Niedersachsen, hat aber weniger Einwohner als München, und so bedeutet ein Urlaub in Estland vor allem viel Raum: Kiefernwälder, Hochmoore, über 2.000 Inseln und eine Küste, an der man oft allein spaziert. Mittendrin liegt mit Tallinn eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Hansestädte Nordeuropas.

Tallinn: Hansestadt und Digitalhauptstadt

Die Altstadt von Tallinn, seit 1997 Welterbe, teilt sich in zwei Teile. Unten, in der Bürgerstadt, stehen die Giebelhäuser der Kaufleute um den Rathausplatz, dessen gotisches Rathaus als das älteste erhaltene in Nordeuropa gilt. Die Stadtmauer mit gut zwei Dutzend erhaltenen Türmen umschließt Gassen, in denen Marzipanläden, Handwerkerhöfe und alte Apotheken überdauert haben. Oben auf dem Domberg Toompea saßen Adel und Verwaltung, heute das Parlament; von den Aussichtsplattformen schaut man über rote Dächer auf den Hafen. Gleich gegenüber steht die orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale mit ihren Zwiebeltürmen, ein Erbe der Zarenzeit.

Außerhalb der Mauern zeigt Tallinn, wie sich die Stadt seit der Unabhängigkeit verändert hat. Im Viertel Kalamaja, das zum Stadtteil Põhja-Tallinn gehört, sind Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert liebevoll saniert, im Telliskivi-Kreativviertel sitzen Galerien und Cafés in alten Fabrikhallen. Im Hafen von Lennusadam liegen ein U-Boot und ein Eisbrecher in einer historischen Wasserflugzeughalle aus Beton. Der Kadriorg-Park mit dem barocken Schloss Peters des Großen und dem Kunstmuseum KUMU ist ein ruhiger Gegenpol zur Altstadt. Dass in Estland fast jede Behörde online erreichbar ist, merkt man als Besucher spätestens dann, wenn man bemerkt, wie selbstverständlich hier kontaktlos bezahlt und digital gebucht wird.

Tartu, Pärnu und weitere Estland Reiseziele

Tartu, die zweitgrößte Stadt, ist Sitz der ältesten Universität des Landes, gegründet 1632 unter schwedischer Herrschaft. Am Hang des Dombergs stehen die Ruinen einer gotischen Kathedrale, das Estnische Nationalmuseum am Stadtrand erzählt in einem eindrucksvollen Neubau die Geschichte des Landes. 2024 war Tartu Kulturhauptstadt Europas, und die Studenten sorgen das ganze Jahr für Leben in den Kneipen. Pärnu an der Westküste ist der klassische Sommerbadeort mit langem Sandstrand, Holzvillen und Kurtradition. Haapsalu, kleiner und stiller, besitzt eine Bischofsburg und eine Strandpromenade, auf der schon Tschaikowski spazierte.

Ganz im Osten liegt Narva an der Grenze zu Russland. Die Hermannsburg und die russische Festung Iwangorod stehen sich am Fluss direkt gegenüber, ein Bild, das die Lage des Landes besser erklärt als jedes Geschichtsbuch. Die Stadt ist überwiegend russischsprachig, ihr Alltag ist ein eigener Kosmos. Wer im Nordosten ist, sollte auch den Nationalpark Lahemaa besuchen, mit Gutshäusern wie Palmse und Sagadi, Fischerdörfern und Findlingen an der Küste.

Inseln, Moore und Nationalparks

Viele Sehenswürdigkeiten in Estland liegen in der Natur. Saaremaa, die größte Insel, ist ein Ort mit Windmühlen, Wacholderheiden und Steinmauern. In Kuressaare steht eine der besterhaltenen Bischofsburgen des Baltikums, bei Kaali hat ein Meteorit vor einigen Tausend Jahren einen fast kreisrunden Krater in die Landschaft geschlagen. Auf Hiiumaa ragen alte Leuchttürme wie der von Kõpu über die Wälder, die kleine Insel Muhu ist für ihre farbenfrohen Trachten bekannt. Im Landesinneren bedecken Moore rund ein Fünftel der Fläche. Auf Bohlenwegen, etwa im Viru-Moor oder im Nationalpark Soomaa, wandert man über Torfmoos zu dunklen Moorseen. In Soomaa kennt man sogar eine „fünfte Jahreszeit“: Im Frühjahr treten die Flüsse über die Ufer, und Wiesen und Wälder lassen sich dann nur noch per Einbaum oder Kanu erkunden.

Kultur und Geschichte: die singende Revolution

Estland wurde im Lauf der Jahrhunderte von Dänen, dem Deutschen Orden, Schweden und Russland beherrscht. Der deutschbaltische Adel prägte das Land bis ins 20. Jahrhundert, worauf viele Gutshöfe und Lehnwörter zurückgehen. Nach kurzer Unabhängigkeit ab 1918 folgte die sowjetische Besatzung; 1991 wurde Estland wieder frei, seit 2004 gehört es zur EU und NATO. Eine zentrale Rolle beim Weg in die Unabhängigkeit spielte der Gesang: Bei der singenden Revolution Ende der 1980er-Jahre versammelten sich Hunderttausende auf der Sängerwiese in Tallinn. Das Liederfest Laulupidu findet dort etwa alle fünf Jahre statt und gehört zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO, ebenso wie die Rauchsauna-Tradition im Südosten, in der Region Võrumaa. Am Johannisabend, dem 23. Juni, brennen im ganzen Land Feuer.

Essen und Trinken in Estland

Die Grundlage der estnischen Küche ist dunkles Roggenbrot, Rukkileib, das zu fast jeder Mahlzeit gehört. Darauf liegen Kilu, kleine eingelegte Sprotten, mit Ei und Zwiebeln – das Kiluvõileib ist ein Nationalgericht. Im Winter gibt es Verivorst, Blutwurst mit Preiselbeeren, und Mulgipuder, einen Brei aus Kartoffeln und Graupen mit Speck. Kama, ein Mehl aus geröstetem Getreide und Erbsen, wird mit Kefir oder Buttermilch verrührt. Auf Saaremaa wird kräftiges Bier gebraut, in Tallinn hat sich eine lebhafte Craftbeer-Szene entwickelt. Als Andenken nehmen viele Vana Tallinn mit, einen süßen Rumlikör mit Vanille und Zitrus. Zugleich ist Tallinn heute eine gute Adresse für moderne nordische Küche, oft deutlich günstiger als in Skandinavien.

Anreise, Unterwegs und beste Reisezeit für Estland

Tallinn erreicht man per Direktflug aus mehreren deutschen Städten oder mit der Fähre von Helsinki in rund zwei Stunden, dazu kommen Verbindungen von Stockholm. Mit dem Auto führt die Via Baltica über Polen, Litauen und Lettland. Die Rail Baltica, eine neue Bahnstrecke nach Mitteleuropa, ist im Bau. Im Land fahren moderne Züge von Tallinn nach Tartu, Narva und Pärnu, Busse erschließen fast jeden Ort, und Fähren bringen Autos nach Saaremaa und Hiiumaa. Die beste Reisezeit für Estland liegt zwischen Mai und September: Im Juli werden 20 bis 25 Grad erreicht, die Ostsee wird an flachen Stränden angenehm warm, und um Mittsommer ist es fast die ganze Nacht hell. Im Winter ist es kalt und dunkel, dafür lockt Tallinn mit seinem Weihnachtsmarkt am Rathausplatz.