Tokio entdecken: Schreine, Neon und Ramen
Reiseführer · redaktionellMorgens um fünf ziehen Händler auf dem Fischmarkt in Toyosu die Thunfische an Haken über den Betonboden, abends drängen sich Tausende über die Kreuzung in Shibuya – zwischen diesen beiden Bildern liegt eine Tokio-Reise. Die größte Metropolregion der Welt wirkt erstaunlich geordnet, leise und höflich, und gerade bei einer Städtereise nach Tokio überrascht, wie viel Dorf in den Hinterhöfen der Megacity steckt.
Von Edo zur Hauptstadt
Bis 1868 hieß Tokio Edo und war Sitz der Tokugawa-Shogune, die Japan rund 250 Jahre lang von hier aus regierten. Mit der Meiji-Restauration zog der Kaiser aus Kyōto in die alte Burg, die Stadt bekam ihren neuen Namen – „östliche Hauptstadt“. Zweimal wurde Tokio im 20. Jahrhundert fast vollständig zerstört: 1923 durch das Große Kantō-Erdbeben, 1945 durch Brandbombenangriffe. Deshalb ist der Großteil der Bebauung jung, und Altes findet man eher in Fragmenten: in den Steinmauern und Wassergräben des Kaiserpalasts, in Holzhäusern in Yanaka oder in einem kleinen Schrein zwischen zwei Bürotürmen. Die Olympischen Spiele 1964 brachten den Shinkansen und die Stadtautobahnen, die Spiele 2021 eine neue Welle an Architektur.
Viertel mit eigenem Charakter
Tokio ist weniger eine Stadt als ein Verbund von Zentren. Shinjuku zeigt beide Gesichter auf engstem Raum: In Nishi-Shinjuku stehen die Wolkenkratzer und das Rathaus mit seinen kostenlosen Aussichtsdecks, östlich des Bahnhofs leuchtet Kabukichō, das größte Vergnügungsviertel des Landes, gleich daneben die winzigen Kneipen der Golden Gai. Rund um Udagawachō in Shibuya geht es um Mode, Plattenläden und junge Clubs. Marunouchi vor dem Hauptbahnhof ist das elegante Geschäftsviertel mit restauriertem Backsteinbahnhof, Akasaka ein ruhigeres Quartier mit Hotels, Restaurants und dem Hie-Schrein. Wer Tokio jenseits der Postkarten sehen möchte, fährt nach Adachi im Norden mit seinen Einkaufsstraßen und Badehäusern oder nach Chōfu im Westen, wo der Tempel Jindai-ji von Soba-Lokalen umringt wird.
Sehenswürdigkeiten in Tokio
Der Sensō-ji in Asakusa ist der älteste Tempel der Stadt; über die Ladenstraße Nakamise erreicht man die Haupthalle, nachdem man das riesige rote Kaminarimon-Tor mit seiner Laterne passiert hat. Ein paar Gehminuten über den Sumida-Fluss ragt der Tokyo Skytree mit 634 Metern auf, der höchste Fernsehturm der Welt. Ganz anders wirkt der Meiji-Schrein in einem dichten Wald zwischen Harajuku und Yoyogi, angelegt für Kaiser Meiji und seine Frau. Die Kreuzung in Shibuya erlebt man am besten von oben, etwa vom Shibuya Sky. Ginza steht für Kaufhäuser und Galerien, Akihabara für Elektronik, Manga und Maid-Cafés. Und im Frühling verwandeln sich der Ueno-Park, der Kanal Meguro-gawa und die Burggräben am Chidorigafuchi in Tunnel aus Kirschblüten.
Museen und Kultur
Der Ueno-Park ist Tokios Museumsinsel: Das Tokyo National Museum besitzt die umfangreichste Sammlung japanischer Kunst, von Samuraischwertern bis zu Rollbildern, dazu kommen das Nationalmuseum für westliche Kunst in einem Bau von Le Corbusier, der zum UNESCO-Welterbe zählt, und das Naturkundemuseum. Das Mori Art Museum in Roppongi zeigt zeitgenössische Kunst im 53. Stock, das Ghibli-Museum in Mitaka verzaubert Fans der Animationsfilme von Hayao Miyazaki – Tickets nur mit Vorbuchung. Kabuki erlebt man im Kabuki-za in Ginza, wo man auch nur einen einzelnen Akt sehen kann. Sumo-Turniere finden im Januar, Mai und September im Ryōgoku Kokugikan statt.
Essen in Tokio
Keine Stadt der Welt hat mehr Sterne-Restaurants, doch das eigentliche Erlebnis liegt im Alltag. Ramen-Bars mit Ticketautomat, Stehsoba am Bahnhof, Tempura-Theken, Yakitori unter den Gleisen von Yūrakuchō – die Restaurants in Tokio sind oft winzig und auf ein einziges Gericht spezialisiert. Am Außenmarkt von Tsukiji gibt es morgens Tamagoyaki am Spieß und Sushi-Frühstück, Monjayaki, die flüssige Schwester des Okonomiyaki, isst man in Tsukishima. Die Untergeschosse der Kaufhäuser, die Depachika, sind ein Fest aus Bentos, Süßigkeiten und perfekt verpacktem Obst. Und der Konbini an jeder Ecke liefert Onigiri und Kaffee rund um die Uhr.
Ausgehen und Nachtleben
Die Nacht beginnt in Tokio oft in einer Izakaya bei Bier und kleinen Tellern. In der Golden Gai haben die Bars kaum mehr als sechs Plätze, viele mit eigenem Thema von Jazz bis Horrorfilm. Shibuya und Roppongi sind die Clubviertel, Shimokitazawa und Kōenji haben Livehäuser und Secondhandläden, Ebisu und Nakameguro eher entspannte Weinbars. Karaoke mietet man stundenweise in einem eigenen Raum. Wichtig: Die letzten Bahnen fahren gegen Mitternacht, wer länger bleibt, wartet auf den ersten Zug am Morgen oder nimmt ein teures Taxi.
Unterwegs in Tokio und beste Reisezeit
Haneda liegt nah am Zentrum und ist per Monorail oder Keikyū-Bahn schnell erreicht, von Narita fahren der Narita Express und der Skyliner in rund einer Stunde in die Stadt. Vor Ort ist die Bahn unschlagbar: Die JR Yamanote-Linie umrundet das Zentrum, dazu kommen Metro- und Toei-Linien, bezahlt wird bequem mit einer Suica- oder Pasmo-Karte bzw. per Smartphone. Als beste Reisezeit gelten Ende März bis Mai mit der Kirschblüte sowie Oktober und November mit klaren Tagen und Herbstlaub; der Sommer ist schwül-heiß, Juni bringt die Regenzeit. Für Ausflüge bieten sich Kamakura mit dem Großen Buddha, die Tempel von Nikkō und Hakone mit heißen Quellen und – bei klarem Wetter – Blick auf den Fuji an.













