Chicago entdecken: Architektur, Blues und Deep Dish
Reiseführer · redaktionellWer vom Ausflugsboot auf dem Chicago River nach oben blickt, sieht ein Freilichtmuseum der modernen Architektur vorbeiziehen. Eine Reise nach Chicago verbindet Wolkenkratzer, Strände am Michigansee, Blues-Clubs und eine Esskultur, die weit über die berühmte Pizza hinausgeht. Für einen Urlaub in Chicago oder eine Städtereise im Sommer gibt es in den USA kaum ein besseres Ziel.
Aus der Asche gewachsen
An der Mündung des Chicago River lebten zunächst Potawatomi, 1803 errichteten die Amerikaner hier Fort Dearborn. Mit Kanal und Eisenbahn wurde Chicago im 19. Jahrhundert zur Drehscheibe des Mittleren Westens: Getreide, Holz und Vieh aus der Prärie liefen über die Stadt, die Schlachthöfe der Union Stock Yards wurden legendär. 1871 zerstörte der Große Brand weite Teile der Innenstadt – und machte Platz für eine architektonische Revolution. Ingenieure und Architekten wie William Le Baron Jenney, Louis Sullivan und später Ludwig Mies van der Rohe entwickelten hier den Stahlskelettbau und damit den Wolkenkratzer. Die Weltausstellung von 1893, die Prohibition mit Al Capone, die Große Migration afroamerikanischer Familien aus dem Süden, die den elektrischen Blues mitbrachten: All das hat die „Windy City“ geprägt. Barack Obama begann hier seine politische Laufbahn, sein Präsidentenzentrum entsteht im Jackson Park.
Viertel: vom Loop bis Lake View
Der Loop, benannt nach der Schleife der Hochbahn, ist das Geschäftszentrum mit Theatern, Banken und dem Millennium Park. Nördlich des Flusses liegt die Near North Side mit der Magnificent Mile, River North und den Hotels und Restaurants rund um Streeterville. Lincoln Park verbindet viktorianische Häuser mit einem riesigen Park samt kostenlosem Zoo, weiter nördlich feiert Lake View rund um Wrigley Field Baseball und in Boystown die queere Szene. Westlich der Innenstadt hat sich West Town mit Wicker Park und Ukrainian Village zu einem Zentrum für Bars und Boutiquen entwickelt, die Near West Side mit dem West Loop und der Fulton Market Street ist heute die angesagteste Restaurantmeile. Pilsen im Südwesten ist mexikanisch geprägt und voller Wandbilder, Hyde Park im Süden Heimat der University of Chicago.
Sehenswürdigkeiten in Chicago
Erster Halt ist meist der Millennium Park mit der spiegelnden Skulptur Cloud Gate, die alle nur „The Bean“ nennen, dem Jay Pritzker Pavilion von Frank Gehry und der Crown Fountain, auf deren Videotürmen Gesichter Wasser spucken. Die Architekturbootstour auf dem Chicago River gilt als bestes Erlebnis der Stadt: In 75 Minuten gleitet man an Marina City, dem Wrigley Building, dem Tribune Tower und dem gewellten Aqua Tower vorbei. Aus 412 Metern Höhe kann man im Skydeck des Willis Tower in eine Glasbox treten, das 360 Chicago im früheren John Hancock Center bietet den Blick über den See. Der Navy Pier mit Riesenrad, der Riverwalk mit Cafés am Wasser und der Lakefront Trail, ein fast 30 Kilometer langer Rad- und Fußweg am Ufer, gehören ebenso dazu wie ein Baseballspiel der Cubs im Wrigley Field von 1914.
Museen und Musik
Das Art Institute of Chicago gehört zu den besten Kunstmuseen der Welt: Seurats „Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte“, Grant Woods „American Gothic“ und Edward Hoppers „Nighthawks“ hängen hier. Am Museum Campus am See liegen das Field Museum mit dem Tyrannosaurus „Sue“, das Shedd Aquarium und das Adler Planetarium. Das Museum of Science and Industry in Hyde Park zeigt ein deutsches U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg. Musikalisch ist Chicago die Hauptstadt des elektrischen Blues – Clubs wie Buddy Guy's Legends oder Kingston Mines spielen jede Nacht. Dazu kommen das Chicago Symphony Orchestra, Improvisationstheater wie The Second City, aus dem viele Comedy-Stars hervorgingen, und im Sommer das Lollapalooza-Festival im Grant Park.
Essen in Chicago
Die Deep-Dish-Pizza mit hohem Teigrand, Käse unten und Tomatensauce oben ist das bekannteste Gericht, doch Einheimische essen oft lieber die dünne, in Quadrate geschnittene „Tavern-Style“-Pizza. Der Chicago Hot Dog kommt im Mohnbrötchen mit Senf, Gurke, Tomate, Zwiebeln, Relish, Peperoni und Selleriesalz – aber niemals mit Ketchup. Dazu gehören das Italian Beef Sandwich mit Bratensaft und Giardiniera sowie Popcorn mit Karamell und Cheddar gemischt. Die Restaurants in Chicago reichen von Imbissbuden bis zu Sterneküche, vor allem im West Loop. Pilsen ist ideal für Tacos und Tamales, Chinatown für Dim Sum, und rund um Devon Avenue im Norden gibt es indische und pakistanische Küche.
Unterwegs in Chicago
O'Hare im Nordwesten ist einer der verkehrsreichsten Flughäfen der Welt, Midway im Südwesten bedient vor allem Inlandsflüge. Beide sind mit der Hochbahn „L“ – Blue Line bzw. Orange Line – direkt mit dem Loop verbunden. Das L-Netz fährt teils rund um die Uhr, bezahlt wird mit der Ventra-Karte oder kontaktlos. Das Straßenraster ist logisch: Die Kreuzung State und Madison Street ist der Nullpunkt aller Hausnummern. Im Sommer sind die Divvy-Leihräder ideal für den Lakefront Trail.
Beste Reisezeit und Ausflüge
Die beste Reisezeit für Chicago liegt zwischen Mai und Oktober. Im Sommer locken Strände wie Oak Street Beach und North Avenue Beach, Straßenfeste, Blues- und Jazzfestivals sowie Freiluftkonzerte; im Herbst ist es mild und klar. Die Winter sind lang, eisig und windig, aber im Dezember sorgt der Christkindlmarket an der Daley Plaza für deutsche Weihnachtsstimmung. Ausflüge führen in die Indiana Dunes am Südufer des Sees, nach Oak Park mit Dutzenden Bauten von Frank Lloyd Wright oder nach Milwaukee, etwa anderthalb Stunden nördlich.













