Madrid entdecken: Prado, Plazas und lange Nächte
Reiseführer · redaktionellWer zum ersten Mal am Kilometerstein null auf der Puerta del Sol steht, merkt schnell, dass Madrid nicht nach Uhrzeit lebt, sondern nach Stimmung: Mittagessen um drei, Abendessen um zehn, und danach geht es erst richtig los. Eine Städtereise in die spanische Hauptstadt verbindet drei der bedeutendsten Kunstmuseen Europas mit einem Alltag, der sich größtenteils auf Plätzen, in Bars und auf Terrassen abspielt. Für einen Madrid Urlaub reichen ein paar Tage kaum aus – aber sie reichen, um süchtig zu werden.
Vom maurischen Stützpunkt zur Hauptstadt
Madrid ist eine vergleichsweise junge Hauptstadt. Im 9. Jahrhundert errichteten die Mauren hier eine Festung namens Mayrit, von der in der Nähe der Almudena-Kathedrale noch Mauerreste zu sehen sind. Erst 1561 verlegte Philipp II. den Hof dauerhaft hierher, wohl weil die Lage in der Mitte der Iberischen Halbinsel praktisch war. Unter den Habsburgern entstand das „Madrid de los Austrias“ mit der Plaza Mayor, die Bourbonen setzten später den gewaltigen Königspalast und die großen Boulevards dazu. Das 20. Jahrhundert brachte Bürgerkrieg, Franco-Diktatur und nach 1975 die Movida, jene wilde Kulturszene der frühen Achtziger, für die Namen wie Pedro Almodóvar stehen. Von dieser Aufbruchsstimmung zehrt die Stadt bis heute.
Sehenswürdigkeiten in Madrid: von der Plaza Mayor zum Palacio Real
Die klassischen Sehenswürdigkeiten in Madrid liegen erfreulich nah beieinander und lassen sich gut zu Fuß verbinden. Die Plaza Mayor mit ihren rot gestrichenen Fassaden und Laubengängen war einst Schauplatz von Stierkämpfen, Krönungsfeiern und Inquisitionsprozessen; heute trinkt man hier Kaffee unter den Arkaden oder holt sich ein Bocadillo de calamares, das frittierte Tintenfischbrötchen, das als inoffizielles Stadtgericht gilt. Ein paar Gassen weiter thront der Palacio Real, mit über 3.000 Räumen einer der größten Paläste Europas, der für Staatsakte bis heute genutzt wird. Gegenüber steht die Almudena-Kathedrale, deren Bau erst 1993 vollendet wurde. Den Sonnenuntergang schaut man sich am besten am Templo de Debod an, einem echten ägyptischen Tempel, den Ägypten Spanien in den 1960er-Jahren schenkte. Und wer die Gran Vía mit ihren Kinopalästen und Hochhäusern aus den 1920er-Jahren entlangläuft, versteht, warum Madrid sich gern als Metropole inszeniert.
Museen und Kultur: das Goldene Dreieck der Kunst
Am Paseo del Prado, der seit 2021 gemeinsam mit dem Retiro-Park zum UNESCO-Welterbe zählt, liegen drei Häuser, für die viele eigens anreisen. Der Prado zeigt Velázquez' „Las Meninas“, Goyas schwarze Gemälde und Boschs „Garten der Lüste“. Im Reina Sofía hängt Picassos „Guernica“, flankiert von Werken Dalís und Mirós. Das Museo Thyssen-Bornemisza füllt die Lücken dazwischen, von italienischen Primitiven bis zur Pop-Art. Wer klug plant, nutzt die kostenlosen Abendstunden, die Prado und Reina Sofía an den meisten Tagen anbieten – die Schlangen sind dann allerdings lang. Weniger bekannt, aber lohnend sind das Museo Sorolla im einstigen Wohnhaus des Malers in Chamberí und das Museo Cerralbo, ein vollständig erhaltener Adelspalast des 19. Jahrhunderts. Der Retiro selbst, mit Ruderbooten auf dem großen Teich und dem gläsernen Palacio de Cristal, ist Madrids grüne Lunge und an Sonntagen ein einziges Familienpicknick.
Viertel mit eigenem Charakter
Das Centro ist mehr als ein Bezirk – es ist ein Flickenteppich aus Barrios. In La Latina drängen sich am Sonntag nach dem Rastro, dem großen Flohmarkt, Tausende in die Tapasbars der Cava Baja. Malasaña, einst Herz der Movida, ist heute voller Vintage-Läden und Craft-Beer-Kneipen, während Chueca als Zentrum der queeren Szene gilt und jeden Sommer eine der größten Pride-Feiern Europas ausrichtet. Lavapiés, multikulturell und etwas rau, lockt mit indischen Restaurants und kleinen Theatern. Ganz anders Salamanca: Das Viertel des 19. Jahrhunderts mit rechtwinkligen Straßen ist Madrids elegante Einkaufsadresse rund um die Calle Serrano. Chamberí gilt als das authentischste Wohnviertel mit Märkten, Bodegas und der stillgelegten Geister-Metrostation, die man besichtigen kann. Im Norden ragen in Chamartín und Tetuán die Wolkenkratzer der Cuatro Torres auf, und rund um das Bernabéu-Stadion herrscht an Spieltagen von Real Madrid Ausnahmezustand. Arganzuela am Fluss Manzanares wiederum ist mit dem Kulturzentrum Matadero in einem alten Schlachthof zum kreativen Treffpunkt geworden.
Essen in Madrid: Cocido, Tapas und Markthallen
Restaurants in Madrid gibt es in fast unüberschaubarer Zahl, und doch bleibt die Küche bodenständig. Der Cocido madrileño, ein Eintopf aus Kichererbsen, Fleisch und Gemüse, wird traditionell in drei Gängen serviert – erst die Brühe mit Nudeln, dann Gemüse, schließlich Fleisch. Callos, geschmorte Kutteln, sind etwas für Mutige, Huevos rotos mit Schinken etwas für alle. Zur Tapa-Kultur gehört, dass man nicht sitzen bleibt: ein Vermut in La Latina, Gambas al ajillo um die Ecke, Patatas bravas in der nächsten Bar. Märkte wie der Mercado de San Miguel neben der Plaza Mayor sind schön, aber touristisch; ursprünglicher geht es im Mercado de Antón Martín oder im Mercado de Vallehermoso in Chamberí zu. Unbedingt probieren sollte man Churros con chocolate, am besten nachts in der Chocolatería San Ginés, die seit 1894 frittiert.
Ausgehen: Wenn die Stadt erst um Mitternacht aufwacht
Madrids Nachtleben ist legendär, weil es so spät beginnt. Vor Mitternacht sind Clubs leer, die meisten Menschen sitzen da noch beim Abendessen oder auf einer Dachterrasse – etwa auf dem Círculo de Bellas Artes mit Blick über die Gran Vía. Malasaña und Chueca sind die Viertel für Bars und kleine Konzerte, Huertas rund um die Plaza de Santa Ana für Kneipenrunden, und wer Flamenco erleben möchte, findet in mehreren Tablaos echte Auftritte. Im Sommer verlagern sich die Nächte auf die Terrazas, und bei Stadtfesten wie San Isidro im Mai oder den Verbenas im August tanzen die Viertel auf der Straße.
Unterwegs in Madrid und beste Reisezeit
Der Flughafen Madrid-Barajas (MAD) ist mit Metro-Linie 8 und dem Flughafenexpressbus an die Innenstadt angebunden; Hochgeschwindigkeitszüge erreichen ab Atocha und Chamartín Sevilla, Barcelona oder Valencia in rund zweieinhalb Stunden oder weniger. Innerhalb der Stadt ist die Metro dicht, günstig und schnell. Als beste Reisezeit gelten Frühling und Herbst: Im Juli und August klettern die Temperaturen oft über 35 Grad, viele Einheimische verlassen dann die Stadt. Für Ausflüge bieten sich Toledo, Segovia mit seinem römischen Aquädukt und der Klosterpalast El Escorial an – alle in rund einer Stunde erreichbar und jeder für sich einen Tag wert.
















