Kyōto entdecken: Tempel, Gärten und Geishas
Reiseführer · redaktionellÜber tausend Jahre lang residierte der japanische Kaiser in Kyōto, und noch heute zählt die Stadt rund 1.600 Tempel und mehrere hundert Schreine. Ein Kyōto-Urlaub führt durch Moosgärten, Holzgassen und Teehäuser – und wer früh aufsteht oder abseits der großen Namen sucht, findet trotz des Besucherandrangs erstaunlich stille Orte. Für jede Japan-Reise ist die alte Hauptstadt ein Pflichtziel.
Tausend Jahre Hauptstadt
794 gründete Kaiser Kanmu die Stadt Heian-kyō nach chinesischem Vorbild als Schachbrett, ein Raster, das man im Zentrum bis heute an den nummerierten Ost-West-Straßen erkennt. Hier entstand die höfische Kultur, die Japan prägte: der Roman „Genji Monogatari“, Teezeremonie, Nō-Theater, Ikebana. Im Ōnin-Krieg im 15. Jahrhundert brannte die Stadt nieder, Toyotomi Hideyoshi baute sie neu auf. 1868 zog der Kaiser nach Tokio, Kyōto blieb Zentrum von Religion und Handwerk. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt weitgehend verschont, weshalb hier so viel alte Holzarchitektur erhalten ist. 17 Stätten in und um Kyōto bilden gemeinsam das UNESCO-Welterbe.
Viertel und Stadtbezirke
Higashiyama am Fuß der östlichen Berge ist das Kyōto der Postkarten: Die gepflasterten Gassen Ninenzaka und Sannenzaka führen hinauf zum Kiyomizu-dera, abends schlendert man durch Gion, wo mit etwas Glück eine Maiko zu einem Termin im Teehaus eilt. Bitte nicht fotografieren oder bedrängen – einige private Gassen sind inzwischen gesperrt. Nakagyō ist das Geschäftszentrum mit Einkaufsarkaden, dem Nishiki-Markt und dem Kneipengässchen Pontochō am Kamo-Fluss. Shimogyō rund um den Bahnhof hat die meisten Hotels, Sakyō im Nordosten den Philosophenweg, die Universität und ruhige Zen-Tempel. Ukyō im Westen umfasst Arashiyama mit seinem Bambushain, Fushimi im Süden das Sake-Viertel und den Fuchsschrein. Kamigyō rund um den Kaiserpalast ist Heimat der Weberstadt Nishijin.
Sehenswürdigkeiten in Kyōto
Die Liste der Sehenswürdigkeiten in Kyōto ist endlos, einige Orte sind aber unverzichtbar. Am Fushimi Inari Taisha ziehen sich Tausende orangerote Torii den Berg Inari hinauf, gestiftet von Firmen und Familien – wer bis zum Gipfel wandert, lässt die Massen bald hinter sich. Der Kinkaku-ji, der Goldene Pavillon, spiegelt sich im Teich, sein schlichteres Gegenstück Ginkaku-ji liegt am Anfang des Philosophenwegs. Der Kiyomizu-dera thront auf einer Holzterrasse ohne einen einzigen Nagel über dem Hang. Im Ryōan-ji meditiert man vor 15 Steinen in geharktem Kies, im Kokedera wachsen über hundert Moosarten (nur mit Voranmeldung). Die Burg Nijō mit ihren „Nachtigallenböden“, die bei jedem Schritt zwitschern, zeigt die Macht der Shogune. In Arashiyama lohnt nach dem Bambushain der Zen-Garten des Tenryū-ji und eine Bootsfahrt auf dem Hozu-Fluss, Frühaufsteher haben die Wege dort noch fast für sich allein.
Kultur und Handwerk
Kyōto ist die Stadt der lebendigen Traditionen. Im Nationalmuseum Kyōto sieht man buddhistische Skulpturen und Rollbilder, das Kyoto International Manga Museum in einer alten Grundschule bietet ein ganz anderes Japan. In Nishijin kann man Webern bei der Arbeit zusehen, in vielen Teehäusern eine Teezeremonie mitmachen. Höhepunkt des Jahres ist das Gion Matsuri im Juli mit riesigen Prunkwagen, die einen ganzen Monat lang das Stadtbild bestimmen; im August leuchten beim Gozan no Okuribi Feuerzeichen an den Berghängen. Im Frühjahr tanzen die Geikos und Maikos bei den öffentlichen Aufführungen wie dem Miyako Odori.
Essen in Kyōto
Die Kyōto-Küche ist fein und zurückhaltend. Kaiseki, das mehrgängige Menü der Jahreszeiten, hat hier seine Wurzeln, ebenso die buddhistische Tempelküche Shōjin Ryōri, die man in Tempeln wie Tenryū-ji probieren kann. Yudōfu, in Brühe gegarter Tofu, ist eine Spezialität rund um Nanzen-ji, Yuba, die Haut der Sojamilch, findet man auf vielen Speisekarten. Auf dem Nishiki-Markt, der „Küche Kyōtos“, gibt es eingelegtes Gemüse (Tsukemono), Spieße und Matcha-Süßes. Der Grüntee stammt aus dem nahen Uji, Sake aus den Brauereien in Fushimi wie Gekkeikan. Im Sommer werden auf Plattformen über dem Kamo-Fluss und im kühleren Kibune Speisen serviert.
Abends in Kyōto
Kyōto geht früher schlafen als Osaka, doch Pontochō mit seinen Laternen und Holzfassaden ist abends besonders stimmungsvoll. Rund um Kiyamachi gibt es Bars und Izakaya, in Fushimi Sake-Verkostungen. Stimmungsvoll sind die Lichtfeste: Bei Hanatōro im März und Dezember werden die Gassen von Higashiyama und Arashiyama mit Laternen beleuchtet, und viele Tempel öffnen im Herbst abends zur Illumination des Ahorns. Wer übernachten will wie früher, wählt ein Ryokan oder ein restauriertes Machiya-Stadthaus mit Tatami, Holzbad und kleinem Innenhof. Ein Spaziergang am Kamo-Fluss gehört ebenfalls zum Abend: Studenten, Paare und Musiker sitzen in regelmäßigen Abständen am Ufer, über das sich die Lichter von Sanjō und Shijō spiegeln.
Unterwegs in Kyōto und beste Reisezeit
Vom Flughafen Kansai fährt der Haruka in rund 75 Minuten zum Bahnhof Kyōto, von Tokio braucht der Shinkansen gut zwei Stunden. In der Stadt sind Busse oft überfüllt; schneller geht es mit U-Bahn, Keihan- und Hankyū-Bahn sowie zu Fuß oder mit dem Leihrad – Kyōto ist flach und übersichtlich. Die beste Reisezeit ist die Kirschblüte Ende März bis Anfang April und das Herbstlaub im November, dann aber mit vollen Hotels. Ruhiger sind Januar und Februar, wenn manchmal Schnee auf dem Goldenen Pavillon liegt. Ausflüge führen nach Nara, Uji mit dem Byōdō-in oder nach Ōhara und Kurama in die Berge.











