Charleroi entdecken: Halden, Bergbau und Fotokunst
Reiseführer · redaktionellDie meisten Reisenden kennen Charleroi nur vom Flughafen, auf dem Billigflieger aus halb Europa landen. Doch wer eine Reise nach Charleroi nicht nur als Umsteigestation sieht, findet eine raue, ehrliche Industriestadt im Wandel, mit begrünten Kohlehalden, bewegender Bergbaugeschichte, einem der wichtigsten Fotomuseen Europas und einer Comic-Tradition, die bis heute lebt.
Festung und Schwarzes Land
Charleroi wurde 1666 als Festung gegründet und nach dem spanischen König Karl II. benannt; kurz darauf baute Vauban sie für die Franzosen aus. Noch heute spiegelt der Grundriss der Ville Haute, der Oberstadt, mit ihren sternförmig angelegten Straßen die alte Festung wider. Im 19. Jahrhundert wurde die Region mit Kohlegruben, Hochöfen und Glashütten zum Pays Noir, dem Schwarzen Land, einem der dichtesten Industriegebiete Europas. Tausende Arbeiter kamen aus Italien und anderen Ländern. Nach dem Ende der Schwerindustrie kämpfte Charleroi mit Arbeitslosigkeit und Leerstand, eine niederländische Zeitung kürte sie einmal zur hässlichsten Stadt der Welt. Seitdem hat die Stadt ihr Zentrum mit neuen Plätzen, Einkaufszentren und Kulturprojekten aufpoliert.
Sehenswürdigkeiten in Charleroi
Im Vorort Marcinelle liegt der Bois du Cazier, eine ehemalige Zeche, in der 1956 ein Grubenunglück 262 Bergleute das Leben kostete, darunter 136 Italiener. Die Gedenkstätte mit Fördertürmen, Industriemuseum und Glasmuseum gehört zum UNESCO-Welterbe der bedeutenden Bergbaustätten Walloniens. In Mont-sur-Marchienne zeigt das Musée de la Photographie in einem ehemaligen Kloster eine der größten Fotosammlungen Europas. Das Rathaus im Art-déco-Stil wird von einem Belfried überragt, der zum UNESCO-Welterbe der Belfriede gehört. BPS22 ist ein Museum für zeitgenössische Kunst in einer alten Industriehalle. Die Kohlehalden rund um die Stadt, die Terrils, sind heute begrünt und lassen sich auf Wanderwegen besteigen; von oben überblickt man die Industrielandschaft.
Comics und Street Art
In Marcinelle hat der Verlag Dupuis seinen Sitz, der seit 1938 das Magazin „Spirou“ herausgibt, und Comiczeichner wie die Schöpfer von Marsupilami und den Schlümpfen veröffentlichten hier. Statuen von Spirou und anderen Figuren stehen in der Innenstadt, und zahlreiche Wandbilder verwandeln graue Fassaden in Kunst. Alternative Stadtführungen zeigen die Stadt mit ihren Brüchen und Ruinen ganz bewusst ungeschönt.
Essen und Ausgehen
Die Küche ist bodenständig wallonisch: Boulettes mit Tomatensauce, Pommes aus der Friterie, Carbonnade, Rindfleisch in Biersauce, und Waffeln. Viele Lokale haben italienische Wurzeln, denn die Nachfahren der Bergleute prägen die Gastronomie. In der Ville Basse und rund um die Place du Manège findet man Kneipen und Bars, im Quai10 ein Kino- und Spielekulturzentrum mit Café.
Anreise und beste Reisezeit
Der Flughafen Brüssel-Charleroi liegt nur wenige Kilometer nördlich, Busse fahren in die Stadt und nach Brüssel. Mit dem Zug ist man in knapp einer Stunde in der Hauptstadt. Die Metro, eine Stadtbahn mit teils nie in Betrieb genommenen Strecken, verbindet Zentrum und Vororte. Die beste Reisezeit ist von Mai bis September, wenn sich die Haldenwanderungen am meisten lohnen. Ausflüge führen zu den Schiffshebewerken am Canal du Centre, ebenfalls UNESCO-Welterbe, und in die Abtei von Aulne.









