Kiew: Goldene Kuppeln über dem Dnipro
Reiseführer · redaktionellWegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine besteht für das ganze Land eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, und auch Kiew wird immer wieder aus der Luft angegriffen. Dieser Text ist daher als Porträt einer Stadt gedacht, die man auf einer späteren Reise nach Kiew entdecken kann, wenn es die Lage wieder zulässt – mit goldenen Kirchenkuppeln, breiten Boulevards und den grünen Hängen über dem Dnipro.
Mutter der Rus
Der Legende nach gründeten drei Brüder und ihre Schwester Kiew im 5. oder 6. Jahrhundert auf den Hügeln am Dnipro; ein Denkmal am Ufer erinnert an sie. Im 10. und 11. Jahrhundert war die Stadt Hauptstadt der Kiewer Rus, eines der größten Reiche Europas. Fürst Wolodymyr ließ sich 988 taufen und machte das Christentum zur Staatsreligion, Jaroslaw der Weise baute die Sophienkathedrale. Nach dem Mongolensturm 1240 verlor Kiew seine Bedeutung, später gehörte es zu Polen-Litauen und zum Russischen Reich. Im 20. Jahrhundert erlebte die Stadt Revolution, Holodomor, deutsche Besatzung und das Massaker von Babyn Jar, bei dem 1941 mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Seit 1991 ist Kiew Hauptstadt der unabhängigen Ukraine; der Majdan war 2004 und 2013/14 Schauplatz der Orangen Revolution und der Revolution der Würde.
Sehenswürdigkeiten in Kiew
Die Sophienkathedrale aus dem 11. Jahrhundert mit ihren byzantinischen Mosaiken und Fresken gehört ebenso zum UNESCO-Welterbe wie das Kiewer Höhlenkloster, die Lawra, mit goldenen Kuppeln, Kirchen und unterirdischen Gängen, in denen Mönche bestattet sind. Gegenüber der Sophienkathedrale leuchtet das blau-weiße Michaelskloster mit seinen goldenen Kuppeln. Das Goldene Tor ist eine Rekonstruktion des mittelalterlichen Stadttors. Der Andreassteig, eine steile Kopfsteinpflastergasse mit der barocken Andreaskirche von Bartolomeo Rastrelli, führt hinunter in den Stadtbezirk Podil. Dort steht auch das Museum des Schriftstellers Michail Bulgakow. Im Rajon Petschersk erhebt sich das riesige Mutter-Heimat-Denkmal, dessen Schild 2023 das sowjetische Wappen gegen den ukrainischen Dreizack tauschte.
Viertel: Podil, Petschersk und Schewtschenko
Podil, das alte Händler- und Handwerkerviertel am Fluss, ist mit Cafés, Galerien und dem Kontraktowa-Platz das gemütlichste Viertel der Stadt. Im Rajon Schewtschenko liegen die Oberstadt mit der Sophienkathedrale, die Universität mit ihrem roten Hauptgebäude und der Botanische Garten. Der Rajon Petschersk mit Lawra, Regierungsviertel und Mariinskyj-Park ist das repräsentative Zentrum. Der Prachtboulevard Chreschtschatyk führt zum Majdan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz. Auf der linken Flussseite liegen Wohnbezirke wie Darnyzja und Dnipro, im Norden das grüne Obolon am Ufer, im Süden Holosijiw mit großen Wäldern und dem Freilichtmuseum Pirogowo.
Essen und Trinken in Kiew
Die ukrainische Küche ist herzhaft: Borschtsch aus Roter Bete, 2022 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt, Warenyky mit Kartoffeln, Quark oder Kirschen, Holubzi, Salo und Kyjiwskyj Tort, ein Haselnuss-Baiser-Kuchen. Das Kiewer Kotelett, ein mit Kräuterbutter gefülltes Hähnchenschnitzel, trägt den Namen der Stadt. Die Bessarabska-Markthalle am Ende des Chreschtschatyk zeigt Obst, Käse und Fleisch in schöner Präsentation. Kiew hatte vor dem Krieg eine bemerkenswerte Café- und Barszene in Podil und rund um die Straße Reitarska, und viele Lokale haben trotz Ausgangssperre und Stromausfällen weitergemacht.
Kiew in Kriegszeiten
Seit 2022 hat sich der Alltag in Kiew stark verändert. Sirenen und Luftalarm-Apps gehören dazu, Metrostationen dienen als Schutzräume, und viele Denkmäler sind mit Sandsäcken oder Holzverschlägen geschützt. An der Mauer des Michaelsklosters erinnern Fotos an gefallene Verteidiger. Trotz allem haben Theater, Cafés und Museen geöffnet, und die Stadt zeigt eine bemerkenswerte Widerstandskraft.
Unterwegs in Kiew
Der internationale Flughafen Boryspil und der Flughafen Schuljany sind seit Februar 2022 für zivile Flüge geschlossen; die Anreise erfolgt derzeit nur auf dem Landweg, etwa per Zug über Polen. Die Metro ist mit drei Linien schnell und günstig; die Station Arsenalna gehört zu den tiefsten der Welt und dient heute auch als Schutzraum. Straßenbahnen, Trolleybusse und Marschrutkas ergänzen das Netz. In Friedenszeiten galten späte Frühjahrswochen mit blühenden Kastanien, dem Symbol der Stadt, und der Frühherbst als beste Reisezeit.















