Mailand entdecken: Dom, Design und Aperitivo
Reiseführer · redaktionellWer am Domplatz aus der U-Bahn steigt, steht unvermittelt vor einem Wald aus weißem Marmor, Fialen und über 3.000 Statuen. Mailand ist Wirtschaftsmotor Italiens, Modehauptstadt und Bühne der Oper – und für eine Städtereise reizvoller, als sein Ruf als nüchterne Business-Metropole vermuten lässt. Ein Mailand-Urlaub lebt von Kunstschätzen, Hinterhöfen, Kanälen und dem Ritual des Aperitivo.
Von Mediolanum zur Metropole
Die Kelten gründeten den Ort, die Römer machten daraus Mediolanum, zeitweise Residenz des Weströmischen Reiches. Hier erließ Kaiser Konstantin 313 das Mailänder Toleranzedikt, hier wirkte Bischof Ambrosius, dessen Basilika Sant'Ambrogio bis heute zu den schönsten romanischen Kirchen Norditaliens zählt. Unter den Visconti und Sforza wurde Mailand im Spätmittelalter zu einem der reichsten Fürstentümer Europas; Ludovico Sforza holte Leonardo da Vinci an seinen Hof. Später herrschten Spanier, Österreicher und Napoleon, bevor die Stadt 1859 zum jungen Italien kam. Im 20. Jahrhundert wuchs Mailand zur Industrie- und Finanzhauptstadt, nach dem Zweiten Weltkrieg zum Zentrum von Design und Mode.
Sehenswürdigkeiten in Mailand
Am Anfang steht fast immer der Duomo. Fast sechs Jahrhunderte wurde an der gotischen Kathedrale gebaut; der Aufstieg auf die Dachterrassen, zu Fuß oder per Lift, führt zwischen Spitztürmen hindurch bis in die Nähe der vergoldeten Madonnina. Gleich nebenan öffnet sich die Galleria Vittorio Emanuele II, eine glasüberdachte Einkaufspassage aus dem 19. Jahrhundert, in der man sich traditionell einmal auf dem Mosaikstier dreht. Am anderen Ende wartet die Scala, eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt. Das Castello Sforzesco mit Michelangelos unvollendeter Pietà Rondanini und der dahinterliegende Parco Sempione mit dem Arco della Pace bilden das grüne Gegenstück. Für Leonardos Abendmahl im Refektorium von Santa Maria delle Grazie gilt: Tickets lange im Voraus buchen, die Besuchszeit ist auf wenige Minuten begrenzt.
Museen und Kultur
Die Pinacoteca di Brera zeigt Meisterwerke von Mantegna, Raffael, Piero della Francesca und Caravaggio, die Pinacoteca Ambrosiana bewahrt Leonardos Codex Atlanticus. Das Museo del Novecento am Domplatz widmet sich der italienischen Kunst des 20. Jahrhunderts, vom Futurismus bis zur Arte Povera, und bietet einen schönen Blick auf die Kathedrale. Moderne Akzente setzen die Fondazione Prada in einer umgebauten Destillerie im Süden und der Hangar Bicocca mit Anselm Kiefers Türmen. Wer sich für Design interessiert, findet in der Triennale im Parco Sempione Ausstellungen zu Architektur und Gestaltung. Die Opernsaison der Scala beginnt traditionell am 7. Dezember, dem Tag des Stadtpatrons Ambrosius.
Viertel mit Charakter
Mailand ist in neun Stadtbezirke gegliedert, doch Besucher orientieren sich eher an den Vierteln. Brera mit Kopfsteinpflaster, Galerien und kleinen Trattorien wirkt fast dörflich. Rund um die Via Montenapoleone und die Via della Spiga liegt das Quadrilatero della Moda mit den Flagshipstores der großen Modehäuser. Im Südwesten prägen die Navigli, alte Kanäle, deren Schleusen auf Pläne aus Leonardos Zeit zurückgehen, das Bild; am letzten Sonntag im Monat findet am Naviglio Grande ein großer Antiquitätenmarkt statt. Das neue Mailand zeigt sich in Porta Nuova mit dem begrünten Hochhaus-Duo Bosco Verticale und der Piazza Gae Aulenti sowie in CityLife mit Türmen von Zaha Hadid, Arata Isozaki und Daniel Libeskind. Isola und NoLo gelten als lebendige Wohnviertel mit Bars und Street Art, Chinatown rund um die Via Paolo Sarpi als Adresse für günstiges Essen.
Essen in Mailand: Risotto, Cotoletta, Panettone
Die Mailänder Küche ist bodenständig und buttrig. Das safrangelbe Risotto alla milanese wird gern mit Ossobuco serviert, der geschmorten Kalbshaxe mit Gremolata. Die Cotoletta alla milanese, ein paniertes Kalbskotelett mit Knochen, liefert sich mit dem Wiener Schnitzel einen alten Herkunftsstreit. Im Winter kommt Cassoeula auf den Tisch, ein deftiger Eintopf mit Schweinefleisch und Wirsing, zur Weihnachtszeit der Panettone, dessen Ursprünge in Mailand liegen. Die Restaurants in Mailand reichen von alteingesessenen Osterie über Pizzerien bis zur Sterneküche; viele Lokale sind auf Mittagsgäste aus den Büros eingestellt und bieten günstige Menüs. Für frische Produkte lohnen der Mercato Comunale an der Piazza Wagner oder einer der Wochenmärkte in den Vierteln.
Aperitivo und Nachtleben
Zwischen 18 und 21 Uhr gehört die Stadt dem Aperitivo. Zum Negroni Sbagliato, der in Mailand erfunden worden sein soll, zum Campari Spritz oder einem Glas Franciacorta stellen die Bars Häppchen, Pasta oder ganze Buffets auf den Tresen. Besonders lebhaft geht es an den Navigli, in Brera, am Corso Como und in Isola zu. Später am Abend verlagert sich das Geschehen in Clubs und Livemusikbars, im Sommer auf Dachterrassen mit Blick über die Stadt. Fußballfans pilgern ins Stadion San Siro, die gemeinsame Heimat von AC Mailand und Inter; das Stadion soll in den kommenden Jahren durch einen Neubau ersetzt werden.
Unterwegs in Mailand und beste Reisezeit
Der Großflughafen Malpensa liegt rund 50 Kilometer nordwestlich, der Malpensa Express fährt in etwa 40 bis 50 Minuten zum Bahnhof Cadorna oder zur Stazione Centrale. Linate ist deutlich stadtnäher und seit der Eröffnung der U-Bahn-Linie M4 direkt angebunden; Bergamo-Orio al Serio wird vor allem von Billigfliegern genutzt. In der Stadt erschließen fünf U-Bahn-Linien, ein dichtes Tramnetz mit historischen Wagen und Busse fast jedes Ziel; Tickets lassen sich kontaktlos direkt an den Drehkreuzen bezahlen. Die beste Reisezeit sind Frühling und Frühherbst. Der Sommer ist schwül und im August sind viele Geschäfte geschlossen, im Winter kann Nebel über der Poebene liegen. Während der Möbelmesse im April und der Modewochen steigen die Hotelpreise deutlich. Für Ausflüge bieten sich der Comer See, der Lago Maggiore, Bergamo und die Certosa di Pavia an, alle gut mit dem Zug erreichbar.















